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Nach dem Tode von Carl August Truchseß von Wetzhausen Herr auf Oberlauringen wollte zunächst keiner das Schloss haben. Seine Witwe Franziska Dorothea Wilhelmine Truchseß, geborene Rotenhan verzichtete auf das Erbe. Sie war kinderlos  und auf dem Schloss lasteten hohe Schulden. Es kam zu jahrelangen Prozessen bis endlich Freiherr Joseph Alexander Reinhard von Dachsdorf Schloß und Gut erhielt. Das Schloss kam danach noch in weitere verschiedene Hände.

1858 kaufte es Dr. Robert Karl Tunder aus St. Petersburg.
Er war kaiserlich-russischer Rat und Ehrenbürger aus Helsingford. Er selbst war Schloss- und Gutsbesitzer in Finnland. Er verändert viel, er verkaufte das Sommerhaus von Carl August auf dem Burgrangen in Oberlauringen auf Abbruch und baute das Schloss von Grund auf neu im Stile einer Landvilla. Er ließ die Gruft von Carl August von Truchseß am Burgrangen räumen und in einen Burgkeller umbauen. Er verkaufte das nicht mehr benötigte Amtshaus in dem die Familie Rückert gewohnt hatte auf Abbruch nach Aidhausen.

Dr. Phil. Robert Tunder, der in der Hofkirche von Weimar seine Frau Amalie geb. Haukel geheiratet hatte, zog 1860 nach Oberlauringen.  Der Familie wurden lt. Pfarramtseintrag in Oberlauringen  5 Kinder geboren. Anscheinend war er in Oberlauringen nicht besonders glücklich denn bereits 1867 verkauft er es an den Arzt Dr. med. Böhland.

Die Stötzer
Wie eng die Verbindungen nach Thüringen waren zeigt eine weitere Geschichte. Durch die Ablösung des Lutherischen Katechismus durch den Herderschen Katechismus aus Gotha, (offenbar orientierte sich die Kirche dorthin),  Es kommt es  in der Kirchengemeinde Oberlauringen zu einer Spaltung. 4 Familien Menz, Weitz, Gollhardt und Stötzer wollen den neuen Katechismus nicht akzeptieren, 3 Familien wandern in die Freiherrlich Gutenber´schen Dörfer Zimmerau und Schwanhausen aus.

Die Familie Stötzer bleibt stur, sie schickt ihre Kinder nicht mehr in die Schule und hält eigene Gottesdienste ab. auch Geldstrafen und Beschlagnahme von Vieh können sie nicht umstimmen. Schließlich werden  vier Personen nach Würzburg ins Arbeitshaus verbracht, alles hilft nichts. Erst nach 1836 und der Wiedereinführung des lutherschen Katechismus und Kompromissen mit der Kirchenleitung, durch eine Kommission unter Leitung des Consistorialrats Dr. Gabler aus Bayreuth, konnten sie wieder feierlich in die Kirche aufgenommen. Konnten werden. Sie erreichten, dass  verschiedene Lieder aus dem Gesangbuch 

1866 Krieg zwischen Preußen und Österreich/Bayern.
Nach Gefechten in Thüringen bei Langensalza am 27. und 29. Juni 1866 kam es am 10. Juli zur Schlacht um Bad Kissingen. In Oberlauringen, so wusste es Justin Raab noch zu berichten, standen  in den Seewiesen Preußische Soldaten mit ihren Kanonen und waren freundlich zu den Kindern. Der Krieg forderte viele Tote. Bekannt ist in Bad Neustadt das Rederkreuz, aufgestellt zur Erinnerung an einen Boten der Bad Neustadt vor der Zerstörung retten wollte und selber getötet wurde. Heute erinnern in  den Wäldern um Bad Kissingen und Maria Bildhausen Kreuze und Hinweisschilder auf Massengräber von Gefallenen Österreichern, Bayern und Preußen.

Der Krieg endete am 23, August 1866 mit dem Friedensschluss in Prag. Preußen hatte alle seine Ziel erreicht. Österreich war aus dem deutschen Staatenverband vertrieben und 1867 schuf Bismarck den Norddeutschen Bund. Mit diesem Frieden endete auch der letzte Krieg zwischen Österreich und Deutschland.

Die 12 Apostel von Oberlauringen
Bereits 1873 verließ die Familie Thunder wieder Oberlauringen und verkauft das Schlossgut an eine Genossenschaft aus 9 jüdischen und 3 protestantischen Einwohner von Oberlauringen. Da es insgesamt 12 Käufer waren hießen sie im Volksmund die 12 Apostel. Es ist wohl eine ganz ungewöhnliche Situation gewesen und doch zeigt sie das gewachsene Einverständnis der Dorfbevölkerung  zu ihren jüdischen Mitbürgern.

Der Krieg 1870/71 ging scheinbar spurlos an Oberlauringen vorbei. Ich kann mich nur an einen Witz erinnern dem ich als Kind im Gasthaus Brändlein in Oberlauringen hörte. Veteranen erzählten was sie alles im 1. und 2. Weltkrieg erlebt und geleistet hatten und was alles geschah. Der Älteste sagte nur ein Wort. „Gewonnen“.

Der 1. Weltkrieg war eine Katastrophe für die Gemeinde Oberlauringen. Im alten Rathaus hängt eine Erinnerungstafel an die in Oberlauringer Gefallenen. Wo sie überall kämpfen mussten zeigt u.a. der Hinweis auf einen Gefallen der mit dem U-Boot Adria unterging.

Jüdische Mitbürger versuchten durch ihren besonders starken Einsatz für Deutschland ihre Zugehörigkeit als Deutsche Staatsbürger zu beweisen.

1915 liest man in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 8. April 1915 „Oberlauringen 23. März 1915 Wegen bewiesener großer Tapferkeit und Aufopferung wurde dem Infanteristen Albert Sterzelbach aus Oberlauringen in Unterfranken das Eiserne Kreuz verliehen. Derselbe hatte im schwersten Kugelregen Verwundete verbunden und in Sicherheit gebracht.“

Auf dem Judenhügel bei Kleinbardorf steht noch heute ein Denkmal für die gefallen Juden des ersten Weltkriegs. Darauf befinden sich auch die 3 Söhne der jüdischen Familie Steinhäuser aus Oberlauringen.

Die Landwirte von Oberlauringen lebten Anfang des 20 Jahrhunderts hauptsächlich von der Aufzucht von Schlachtvieh. Seit dem 18 Jahrhundert gab es 8 große Viehmärkte im Jahr, ihre Haupteinnahmen waren dabei der Handel für die Großstädte besonders mit der Hauptstadt Berlin.
Der jüdische Viehgroßhändler Louis Strauss aus Berlin sammelte binnen 14 Tagen bis zu 120 Rinder von den Landwirten der Umgebung ein, die ihm 5 jüdischen Partnerviehhändler aus Oberlauringen eingehandelt hatten. Zunächst versorgten Bauernburschen die Tiere in den Stallungen der Händler und konnten so Bargeld erwerben oder ihre Schulden abarbeiten die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatten.

Herr Strauss selbst war selber ein bescheidener Mann, er kam lt. Aussage von Herrn Schad immer im gleichen Mantel, wohnte bei seien Nachbarn, prüfte  die Tiere wenn sie am Morgen vor der Fahrt auf der Gemeindewaage gewogen wurden.

Unter der Leitung des Oberlauringer Landwirts Balthasar Raab wurden die Tiere an Maria Bildhausen vorbei bis zum Bahnhof nach Bad Neustadt getrieben. Von hier aus ging die Fahrt direkt nach Berlin, manchmal auch von Stadtlauringen aus oder sie wurden direkt  bis nach Schweinfurt getrieben. Mehrer Tage lang mussten die Tiere in den Zügen versorgt, gefüttert und gemolken werden. Zurück brachte man die gleiche Menge Pferde aus Ostpreußen die dann über den jüdischen Pferdehändler aus Meiningen weiter verkauft wurden.

Wie gut informiert ihre Händler waren erzählte mir wieder „Herr August Schad aus Mailes“, einer der noch wenigen lebenden Zeitzeugen aus eigener Erfahrung. Als seine Eltern eine Kuh kaufen wollten, die zusammen mit einem Pferd vor dem Pflug gehen sollte, wandten sie sich an ihren jüdischen Nachbarn. Dieser riet dem Vater: „Gehe nach Meiningen in den Stall Nr. 20, dort findest Du genau das Tier was du brauchst“ und so war und blieb es auch.

Durch den Viehhandel waren am Sonntag Nachmittag beide Gastwirtschaften übervoll, jeder meinte gute Geschäfte gemacht zu haben, der Handel blühte und es konnte so richtig gefeiert werden.
Die Ausbildung in den Handelsberufen erfolgte in den Familien und in der jüdischen Schule. Eine besondere schulische Errungenschaft bildete eine jüdische Wirtschaftsschule mit Internat nur für Mädchen in Bad Neustadt.
Wie gut die jüdische Ausbildung in den Handelsberufen in Unterfranken, war sieht man an den Erfolgen der aus Unterfranken nach Amerika ausgewanderten jüdischen Händlergeneration.

Bekannte Gründer großer „Bankhäusern“ wie Lehmann& Brother aus Rimpar, Goldmann aus Trappstadt oder Sachs aus Rödelmaier wanderten von Unterfranken nach Amerika aus und haben heute  Weltbedeutung erreicht.
Wie dumm es im Grunde war, jüdische Mitbürger von handwerklichen Berufen auszuschalten, zeigen auch berühmte Erfinder, so der Jude Simson aus dem kleinen Dörfchen Mühlfeld bei Mellrichstadt, dem Gründer der Simsonwerke in Suhl. Ihre natur- und geisteswissenschaftlichen Fähigkeiten führten im 19. und 20. Jahrhundert und bewiesen Juden als es zu vielen Nobelpreisträgern unter ihnen kam.

Der Neid über das Handelsgeschick der jüdischen Viehhändler in Oberlauringen war die Ursache. dass die Bahnstrecke von Schweinfurt kommend in Stadtlauringen endete. Der deutsche Schulleiter im Ort hatte der Oberlauringer Bevölkerung geraten, den Juden den Viehhandel dadurch zu erschweren, dass sie ihre Tiere auch weiterhin möglichst weit treiben mussten. Sicher eine fatale Fehleinschätzung. Sie wurde die Bahnlinie nur bis nach Stadtlauringen und nicht weiter bis nach Oberlauringen gebaut und der Ort von seiner positiven Entwicklung abgehängt.

Aus dem Viehhandel heraus hatte Jakob Fink in seinem Anwesen einen Landmaschinenhandel erweitert.
Die Maschinen, die wurden in Einzelteilen fabrikmäßig verpackt mit der Bahn nach Stadtlauringen befördert. Ein Oberlauringer Landwirt hatte das Monopol mit seinem Fuhrwerk die Teile in die Werkstatt zu bringen.
Hier wurden sie von den in Hofheim beim Schlossermeister Volk ausgebildeten Ernst Müller und Kaspar Steigmeier für den Gebrauch fachmännisch zusammen gebaut und später gewartet.
In diesem Haus konnte Herr Müller Jahre später sein Fahrradgeschäft und eine Tankstelle betreiben.

Seine Firma, hatte durch die Erfindung des Kinderfahrradsitzes Bedeutung erreicht und hatte in ihrer Blütezeit bis zu 20 Beschäftigte. Leider hatte er sie aus finanziellen Gründen nur unter Gebrauchsmusterschutz und nicht patentieren lassen. Als dann ein Konkurrent aus dem Rheinland den Kindersitz für das Damenfahrrad anmeldete, endete die Blütezeit.

Seine Erfindung des Gerätehalter „Hans“ wodurch es den Landwirten erlaubt war ihre Arbeitsgeräte auf dem Fahrrad zu transportieren wurde von der Schnelllebigkeit der einsetzenden Motorisierung überholt.

Bundskanzler Erhard stand als Soldat im 1. Weltkrieg unter dem Befehl von Ernst Müller aus Oberlauringen. Das Foto zeigt ihn bei einem späteren Treffen in Schweinfurt.
Wie gut das Einvernehmen mit der jüdischen Bevölkerung sein konnte, lässt sich an Trauermeldungen ablesen. So war die Trauer groß als Friedrich Schloss der allzeit  geachtete jüdische Bürgermeister von Oberlauringen, der Viehhändler und Landwirt war, starb.
Für den Ort ist auch zu erwähnen, dass Moritz und Max Seegen Landwirte waren und Äcker und Kühe besaßen.

Besonders die Lehrer waren im Dorf hoch geachtet. Der Tod des Hauptlehrers Simon Goldstein am 12. Mai 1927 und seine Verdienste wurden auch in der überregionalen Presse gewürdigt. Er hatte 40 Jahre dem bayerischen Lehrerverband und dem Bezirkslehrerverband Stadtlauringen angehört und hatte viel für die Gemeinde getan.

Bezeichnend ist auch das soziale Engagement.  Die jüdischen Einwohner hatten eine eigene Beerdigungsbrüderschaft,(Chewra Kaddischa)  einen Verein junger Männer,(Chewrat Hanorim) und sie verfügten über eine Lehrerfondkasse und eine Wohltätigkeitskasse.

Josef Grünfeld hatte in seiner Matzenbäckerei für die nähere Umgebung den Matzen in Tag und Nachtschicht gebacken und am Sonntag morgen fanden die deutschen Bürger frische Brötchen an ihren Haustüren. Umgekehrt versorgten deutsche Hausmädchen jüdische Familien am Sabbat, schürten ihre Öfen und pflegten ihre Kranken.

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