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1200 Jahre Oberlauringen - Aufbruch in Oberlauringen Teil X
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Mittwoch, 6. Juli 2011 |
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Nach dem Tode von Carl August Truchseß von Wetzhausen Herr auf
Oberlauringen wollte zunächst keiner das Schloss haben. Seine Witwe
Franziska Dorothea Wilhelmine Truchseß, geborene Rotenhan verzichtete
auf das Erbe. Sie war kinderlos und auf dem Schloss lasteten hohe
Schulden. Es kam zu jahrelangen Prozessen bis endlich Freiherr Joseph
Alexander Reinhard von Dachsdorf Schloß und Gut erhielt.
Das Schloss kam danach noch in weitere verschiedene Hände.
1858 kaufte es Dr. Robert Karl Tunder aus St. Petersburg.
Er war kaiserlich-russischer Rat und Ehrenbürger aus Helsingford. Er
selbst war Schloss- und Gutsbesitzer in Finnland. Er verändert viel, er
verkaufte das Sommerhaus von Carl August auf dem Burgrangen in
Oberlauringen auf Abbruch und baute das Schloss von Grund auf neu im
Stile einer Landvilla. Er ließ die Gruft von Carl August von Truchseß am
Burgrangen räumen und in einen Burgkeller umbauen. Er verkaufte das
nicht mehr benötigte Amtshaus in dem die Familie Rückert gewohnt hatte
auf Abbruch nach Aidhausen.
Dr. Phil. Robert Tunder, der in der Hofkirche von Weimar seine Frau
Amalie geb. Haukel geheiratet hatte, zog 1860 nach Oberlauringen. Der
Familie wurden lt. Pfarramtseintrag in Oberlauringen 5 Kinder geboren.
Anscheinend war er in Oberlauringen nicht besonders glücklich denn
bereits 1867 verkauft er es an den Arzt Dr. med. Böhland.
Die Stötzer
Wie eng die Verbindungen nach Thüringen waren zeigt eine weitere
Geschichte. Durch die Ablösung des Lutherischen Katechismus durch den
Herderschen Katechismus aus Gotha, (offenbar orientierte sich die Kirche
dorthin), Es kommt es in der Kirchengemeinde Oberlauringen zu einer
Spaltung. 4 Familien Menz, Weitz, Gollhardt und Stötzer wollen den neuen
Katechismus nicht akzeptieren, 3 Familien wandern in die Freiherrlich
Gutenber´schen Dörfer Zimmerau und Schwanhausen aus.
Die Familie Stötzer bleibt stur, sie schickt ihre Kinder nicht mehr in
die Schule und hält eigene Gottesdienste ab. auch Geldstrafen und
Beschlagnahme von Vieh können sie nicht umstimmen. Schließlich werden
vier Personen nach Würzburg ins Arbeitshaus verbracht, alles hilft
nichts. Erst nach 1836 und der Wiedereinführung des lutherschen
Katechismus und Kompromissen mit der Kirchenleitung, durch eine
Kommission unter Leitung des Consistorialrats Dr. Gabler aus Bayreuth,
konnten sie wieder feierlich in die Kirche aufgenommen. Konnten werden.
Sie erreichten, dass verschiedene Lieder aus dem Gesangbuch
1866 Krieg zwischen Preußen und Österreich/Bayern.
Nach Gefechten in Thüringen bei Langensalza am 27. und 29. Juni 1866 kam
es am 10. Juli zur Schlacht um Bad Kissingen. In Oberlauringen, so
wusste es Justin Raab noch zu berichten, standen in den Seewiesen
Preußische Soldaten mit ihren Kanonen und waren freundlich zu den
Kindern. Der Krieg forderte viele Tote. Bekannt ist in Bad Neustadt das
Rederkreuz, aufgestellt zur Erinnerung an einen Boten der Bad Neustadt
vor der Zerstörung retten wollte und selber getötet wurde. Heute
erinnern in den Wäldern um Bad Kissingen und Maria Bildhausen Kreuze
und Hinweisschilder auf Massengräber von Gefallenen Österreichern,
Bayern und Preußen.
Der Krieg endete am 23, August 1866 mit dem Friedensschluss in Prag.
Preußen hatte alle seine Ziel erreicht. Österreich war aus dem deutschen
Staatenverband vertrieben und 1867 schuf Bismarck den Norddeutschen
Bund. Mit diesem Frieden endete auch der letzte Krieg zwischen
Österreich und Deutschland.
Die 12 Apostel von Oberlauringen
Bereits 1873 verließ die Familie Thunder wieder Oberlauringen und
verkauft das Schlossgut an eine Genossenschaft aus 9 jüdischen und 3
protestantischen Einwohner von Oberlauringen. Da es insgesamt 12 Käufer
waren hießen sie im Volksmund die 12 Apostel. Es ist wohl eine ganz
ungewöhnliche Situation gewesen und doch zeigt sie das gewachsene
Einverständnis der Dorfbevölkerung zu ihren jüdischen Mitbürgern.
Der Krieg 1870/71 ging scheinbar spurlos an Oberlauringen vorbei. Ich
kann mich nur an einen Witz erinnern dem ich als Kind im Gasthaus
Brändlein in Oberlauringen hörte. Veteranen erzählten was sie alles im
1. und 2. Weltkrieg erlebt und geleistet hatten und was alles geschah.
Der Älteste sagte nur ein Wort. „Gewonnen“.
Der 1. Weltkrieg war eine Katastrophe für die Gemeinde Oberlauringen. Im
alten Rathaus hängt eine Erinnerungstafel an die in Oberlauringer
Gefallenen. Wo sie überall kämpfen mussten zeigt u.a. der Hinweis auf
einen Gefallen der mit dem U-Boot Adria unterging.
Jüdische Mitbürger versuchten durch ihren besonders starken Einsatz für
Deutschland ihre Zugehörigkeit als Deutsche Staatsbürger zu beweisen.
1915 liest man in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 8. April 1915
„Oberlauringen 23. März 1915 Wegen bewiesener großer Tapferkeit und
Aufopferung wurde dem Infanteristen Albert Sterzelbach aus Oberlauringen
in Unterfranken das Eiserne Kreuz verliehen. Derselbe hatte im
schwersten Kugelregen Verwundete verbunden und in Sicherheit gebracht.“
Auf dem Judenhügel bei Kleinbardorf steht noch heute ein Denkmal für die
gefallen Juden des ersten Weltkriegs. Darauf befinden sich auch die 3
Söhne der jüdischen Familie Steinhäuser aus Oberlauringen.
Die Landwirte von Oberlauringen lebten Anfang des 20 Jahrhunderts
hauptsächlich von der Aufzucht von Schlachtvieh. Seit dem 18 Jahrhundert
gab es 8 große Viehmärkte im Jahr, ihre Haupteinnahmen waren dabei der
Handel für die Großstädte besonders mit der Hauptstadt Berlin.
Der jüdische Viehgroßhändler Louis Strauss aus Berlin sammelte binnen 14
Tagen bis zu 120 Rinder von den Landwirten der Umgebung ein, die ihm 5
jüdischen Partnerviehhändler aus Oberlauringen eingehandelt hatten.
Zunächst versorgten Bauernburschen die Tiere in den Stallungen der
Händler und konnten so Bargeld erwerben oder ihre Schulden abarbeiten
die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatten.
Herr Strauss selbst war selber ein bescheidener Mann, er kam lt. Aussage
von Herrn Schad immer im gleichen Mantel, wohnte bei seien Nachbarn,
prüfte die Tiere wenn sie am Morgen vor der Fahrt auf der Gemeindewaage
gewogen wurden.
Unter der Leitung des Oberlauringer Landwirts Balthasar Raab wurden die
Tiere an Maria Bildhausen vorbei bis zum Bahnhof nach Bad Neustadt
getrieben. Von hier aus ging die Fahrt direkt nach Berlin, manchmal auch
von Stadtlauringen aus oder sie wurden direkt bis nach Schweinfurt
getrieben. Mehrer Tage lang mussten die Tiere in den Zügen versorgt,
gefüttert und gemolken werden. Zurück brachte man die gleiche Menge
Pferde aus Ostpreußen die dann über den jüdischen Pferdehändler aus
Meiningen weiter verkauft wurden.
Wie gut informiert ihre Händler waren erzählte mir wieder „Herr August
Schad aus Mailes“, einer der noch wenigen lebenden Zeitzeugen aus
eigener Erfahrung. Als seine Eltern eine Kuh kaufen wollten, die
zusammen mit einem Pferd vor dem Pflug gehen sollte, wandten sie sich an
ihren jüdischen Nachbarn. Dieser riet dem Vater: „Gehe nach Meiningen
in den Stall Nr. 20, dort findest Du genau das Tier was du brauchst“ und
so war und blieb es auch.
Durch den Viehhandel waren am Sonntag Nachmittag beide Gastwirtschaften
übervoll, jeder meinte gute Geschäfte gemacht zu haben, der Handel
blühte und es konnte so richtig gefeiert werden.
Die Ausbildung in den Handelsberufen erfolgte in den Familien und in der
jüdischen Schule. Eine besondere schulische Errungenschaft bildete eine
jüdische Wirtschaftsschule mit Internat nur für Mädchen in Bad
Neustadt.
Wie gut die jüdische Ausbildung in den Handelsberufen in Unterfranken,
war sieht man an den Erfolgen der aus Unterfranken nach Amerika
ausgewanderten jüdischen Händlergeneration.
Bekannte Gründer großer „Bankhäusern“ wie Lehmann& Brother aus
Rimpar, Goldmann aus Trappstadt oder Sachs aus Rödelmaier wanderten von
Unterfranken nach Amerika aus und haben heute Weltbedeutung erreicht.
Wie dumm es im Grunde war, jüdische Mitbürger von handwerklichen Berufen
auszuschalten, zeigen auch berühmte Erfinder, so der Jude Simson aus
dem kleinen Dörfchen Mühlfeld bei Mellrichstadt, dem Gründer der
Simsonwerke in Suhl. Ihre natur- und geisteswissenschaftlichen
Fähigkeiten führten im 19. und 20. Jahrhundert und bewiesen Juden als es
zu vielen Nobelpreisträgern unter ihnen kam.
Der Neid über das Handelsgeschick der jüdischen Viehhändler in
Oberlauringen war die Ursache. dass die Bahnstrecke von Schweinfurt
kommend in Stadtlauringen endete. Der deutsche Schulleiter im Ort hatte
der Oberlauringer Bevölkerung geraten, den Juden den Viehhandel dadurch
zu erschweren, dass sie ihre Tiere auch weiterhin möglichst weit treiben
mussten. Sicher eine fatale Fehleinschätzung. Sie wurde die Bahnlinie
nur bis nach Stadtlauringen und nicht weiter bis nach Oberlauringen
gebaut und der Ort von seiner positiven Entwicklung abgehängt.
Aus dem Viehhandel heraus hatte Jakob Fink in seinem Anwesen einen Landmaschinenhandel erweitert.
Die Maschinen, die wurden in Einzelteilen fabrikmäßig verpackt mit der
Bahn nach Stadtlauringen befördert. Ein Oberlauringer Landwirt hatte das
Monopol mit seinem Fuhrwerk die Teile in die Werkstatt zu bringen.
Hier wurden sie von den in Hofheim beim Schlossermeister Volk
ausgebildeten Ernst Müller und Kaspar Steigmeier für den Gebrauch
fachmännisch zusammen gebaut und später gewartet.
In diesem Haus konnte Herr Müller Jahre später sein Fahrradgeschäft und eine Tankstelle betreiben.
Seine Firma, hatte durch die Erfindung des Kinderfahrradsitzes Bedeutung
erreicht und hatte in ihrer Blütezeit bis zu 20 Beschäftigte. Leider
hatte er sie aus finanziellen Gründen nur unter Gebrauchsmusterschutz
und nicht patentieren lassen. Als dann ein Konkurrent aus dem Rheinland
den Kindersitz für das Damenfahrrad anmeldete, endete die Blütezeit.
Seine Erfindung des Gerätehalter „Hans“ wodurch es den Landwirten
erlaubt war ihre Arbeitsgeräte auf dem Fahrrad zu transportieren wurde
von der Schnelllebigkeit der einsetzenden Motorisierung überholt.
Bundskanzler Erhard stand als Soldat im 1. Weltkrieg unter dem Befehl
von Ernst Müller aus Oberlauringen. Das Foto zeigt ihn bei einem
späteren Treffen in Schweinfurt.
Wie gut das Einvernehmen mit der jüdischen Bevölkerung sein konnte, lässt sich an Trauermeldungen ablesen.
So war die Trauer groß als Friedrich Schloss der allzeit geachtete
jüdische Bürgermeister von Oberlauringen, der Viehhändler und Landwirt
war, starb.
Für den Ort ist auch zu erwähnen, dass Moritz und Max Seegen Landwirte waren und Äcker und Kühe besaßen.
Besonders die Lehrer waren im Dorf hoch geachtet. Der Tod des
Hauptlehrers Simon Goldstein am 12. Mai 1927 und seine Verdienste wurden
auch in der überregionalen Presse gewürdigt. Er hatte 40 Jahre dem
bayerischen Lehrerverband und dem Bezirkslehrerverband Stadtlauringen
angehört und hatte viel für die Gemeinde getan.
Bezeichnend ist auch das soziale Engagement. Die jüdischen Einwohner
hatten eine eigene Beerdigungsbrüderschaft,(Chewra Kaddischa) einen
Verein junger Männer,(Chewrat Hanorim) und sie verfügten über eine
Lehrerfondkasse und eine Wohltätigkeitskasse.
Josef Grünfeld hatte in seiner Matzenbäckerei für die nähere Umgebung
den Matzen in Tag und Nachtschicht gebacken und am Sonntag morgen fanden
die deutschen Bürger frische Brötchen an ihren Haustüren. Umgekehrt
versorgten deutsche Hausmädchen jüdische Familien am Sabbat, schürten
ihre Öfen und pflegten ihre Kranken.
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