Bereits 1763/64 traf man Oberlauringer Juden in Göttingen als Händler
mit optischen Gläsern an, wie es Prof: Leo Trepp erzählte. Nach seinen
Aussagen hätte der Schlossbesitzer aus Oberlauringen mit den Einnahmen
der Juden alle drei Jahre ein neues Schloss bauen können. Optische
Geräte waren im 17. und 18. Jahrhundert sehr schwer herzustellen und so
teuer, dass man für manches Gerät ein ganzes Dorf hätte kaufen können,
Der Handel mit großen Geldsummen war nur durch die Kenntnisse des
bargeldlosen Verkehrs möglich und offenbar hatten die Oberlauringer
Juden eine Ausbildung mit solchen Beträgen zu handeln.
Ein weiterer großer Vorteil war; dass die Reichsritter von Franken nach
ihren Erfolgen im Türkenkrieg beim Kaiser erreicht hatten, dass die von
den Rittern gehandelte und für sie bestimmten Güter in anderen Gebieten
nicht verzollt werden mussten.
(Urkunde vom 24.4.1718 für die Reichsritterschaft in Franken)
So konnten die Juden in Oberlauringen bereits 1799 die erste Synagoge im
Dorf errichten. Aber Carl August wollte mehr. Er errichtete ein ganz
neues Dorfviertel. Die heute noch umrahmende Untere Judengassen wurde
durchzogen von der Friedrich Rückert Straße die im Plan von 1869 als die
eigentliche Judengasse bezeichnet wurde und an der alle wichtigen
Einrichtungen wie Schule, koschere Metzgerei und Matzenbäckerei lag. Wie
man heute auf der eingefügten Karten von 1869 sehen kann wird sie
eingeschlossen von der „Hadergasse“ und der Staraße „am Vogelsang“.
Heute kann man es sich kaum vorstellen wie es damals in Oberlauringen
zugegangen sein muss wenn 28 Händler aus Oberlauringen ausströmten um
ihre Ware anzubieten um sie in Unterfranken und Südthüringen los zu
werden.
In kurzer Zeit erhöhte sich die Einwohnerzahl. Nach einer Statistik
hatte Oberlauringen 501 Protestanten, 27 Katholiken und 143 Juden.
Friedrich Rückert beschrieb es in seiner lautmalerischen und
diskriminierenden Sprache so: „sie krimmeln da und wimmeln da, als wie
ein Blatt, Blattläuse, dass es einem grauet.
Das Judenviertel von Oberlauringen im Jahr 1869 zeigt die ursprüngliche
Besiedlung, blau eingerahmt die Synagoge es fehlt das noch nicht
vorhanden Rabbinerhaus
Bei der Erstellung der Matrikellisten von Oberlauringen im Jahr 1817
werden erstmals alle jüdischen Familienvorstände genannt. Ihre neuen
Familiennamen wurden mit dem Erwerbszweig statistisch erfasst und so
ergibt sich folgendes Bild. Im Dorf gab es:
4 x Viehhändler Weinberger, Fechheimer, Wormser und Rosenberger
1 x Weinhändler Isaak Hirschberger (speziell Koscherwein)
1 x Lederhändler Wolf Löb Schloss (später auch Viehhandel)
9 x Schnitthändler Seegen, Eckstein, Steinhäuser, Wormser, Stern,
Schwarzschild, und Heusinger. Salomon Fink, Hirschberger
2 x Federhändler Ledermann , Fleischmann
2 x Schlachthändler Strauß, Stürzelbach
6 x Schacherhändler Kaufmann, Rosenthal, Röß, Friedenthal, Vogel und die Witwe von Löw Mai
1 x Spezereihändler Lohmann, Baumgarten
1 x Bänderhändler die Witwe von Maier Gumpel Brückner
1 x Metzger Baruch Strauß
2 x Lehrer Vater Salomon und sein Sohn Löb Simon Morgenroth.
Wie umfangreich ihre Angebote waren, erkennt man aus der Liste ihrer
angemeldeten Erwerbszweige. Viele dieser Handelsgüter erforderten
spezielle Grundkenntnisse und umfangreiche Fähigkeiten. Die ganzen
Familien war bei der Vorbereitung, der Lagerung und der Verpackung der
Ware eingesetzt. Weitere Berufe wie „Schmusejuden“ die Ehen und
Liebschaften stifteten, heute Heiratsvermittler, sind dabei in dieser
Liste gar nicht aufgeführt und lassen sich nur an den im Dorf
kursierenden Berufsbenennungen heraushören. So versorgten die Jüdischen
Händler die umliegende Bevölkerung mit allem was nötig war, gleich ob es
Gebrauchsgegenständen, Werkzeugen oder Krediten waren. In erfolgreichen
Positionen führte es zum jüdischen Kaufhaus, zur jüdischen Bank,
jüdischen Arzt oder zum jüdischem Notar wie im benachbarten Bad
Neustadt..
Eine jüdische Führungsschicht hatte es, wie bereits berichtet, schon am
25 August 1811 bei der Verpflichtung der Dorfbevölkerung von
Oberlauringen auf den neuen Besitzer Ferdinand III von Würzburg durch
Landrat Stecher, wo es heißt: Man ließ auch den vorgeladenen und
erschienenen Judenschultheiß Isaak Hirsch und den jüdischen Schullehrer
Markus Löb auf den neuen Herrn, den Herzog Ferdinand von der Toskana,
den Treueschwur leisten.
1825 erhielten die Juden in Oberlauringen die Genehmigung von der
bayrischen Regierung für eine eigene Schule denn in Oberlauringen
lebten bereits 172 Juden.
Durch Regierungsentschließung der Kgl. Regierung von Unterfranken und
Aschaffenburg wurde die Erlaubnis zur Schulgründung erteilt. In der
Entschließung vom 4.11.1870 heißt es:
„Im Namen Seiner Majestät des Königs!
Die unterfertigte Kgl. Regierung hat auf Antrag der israelitischen
Kultusgemeinde Oberlauringen und nach vorgängiger Einvernahme sämtlicher
Beteiligten auf Grund des § 33 des Edikts vom 10. Juni 1813 die
Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreich Bayern und des
§44 Abs .II und § 46 Abs 1 der Allerhöchsten Formationsverordnung vom
17.Dezember 1825 beschlossen, dass in Oberlauringen eine eigene
israelische Elementarschule unter nachstehenden näheren Bestimmungen vom
1. Januar 1871 errichtet und diese Schulstelle dem derzeitigen
israelitischen Religionslehrer Moses Löb Ledermann zu Oberlauringen
gegen Bezug des gesetzlichen Minimalgehaltes zu 350 fl übertragen werde.
1. Der israelitischen Elementarschule werden sämtliche werktags- und
sabbatpflichtigen Kinder der Israeliten zu Oberlauringen, welche bisher
die 2 protestantischen Schulen in Oberlauringen besucht hatten
zugewiesen.
2. Als Schullokal und zur Wohnung des Lehrers hat das Haus zu dienen,
welches die israelitische Kultusgemeinde zu Oberlauringen erst jüngst
neu hergestellt hat.“ in der neuen Lehrerwohnung befand sich auch das
rituellem Bad der Gemeinde.
1832 konnte die jüdische Gemeinde auch einen eigenen Friedhof errichten,
bis dahin waren die Toten auf dem „Judenhügel bei Kleinbardorf“
begraben worden. Der Friedhof befindet sich seit 1542 in einem alten
Keltenringwall . Er wurde den Juden von ganz Unterfranken angeboten in
der Annahme der christliche Bevölkerung dort seien einst Heidengötter
verehrt worden und ist mit über 20 000 Gräbern (Auskunft Landratsamt
Rhön Grabfeld) einer der größten von Bayern.
Die Gemeinde Oberlauringen war dem Bezirksrabbinat Burgpreppach
zugeteilt. Das Rabbinerhaus, in dem der Rabbiner zur Vorbereitung auf
den Sabbat weilte steht neben der Synagoge. Es wurde allerdings erst
später eingerichtet.
Ein Sabbathaus der Familie Hirschberger in Oberlauringen ist eine
Besonderheit.. Weil der frommer Jude Hirschberger, am Sabbat nicht weit
laufen sollte, war es für diese Familie, die eigentlich in
Stadtlauringen wohnte erforderlich zum Sabbat feiern im Dorf eine eigene
Unterkunft ein Sabbathaus zu haben.
Text:
Vilmar Herden
1200 Jahre Oberlauringen
Teil I
Teil II
Teil III
Teil VI - Friedrich Rückert in Oberlauringen
Teil VII - Friedrich Rückert als Chronist
Teil X - Aufbruch in Oberlauringen
Teil IX - Die Ansiedlung der Juden in Oberlauringen
1200 Jahre Oberlauringen - Schlosskauf, Umbau und Parkanlage
1200-Jahrfeier Oberlauringen - Glückwunsch und Dank
1200 Jahre Oberlauringen - Oberlauringen im Erdaltertum
Das Rückert Dorf
Rückert-Sprüche in Oberlauringen