Am 8. Juni 1793 erhielt der Hofadvokat Johann Adam Rückert
einen Vertrag als Amtmann beim Reichsfreiherrn Carl August, Truchseß von
Wetzhausen, der Herr auf Oberlauringen war.
Adam Rückert und
seine Frau Maria Barbara Rückert, eine geborene Schoppach wohnten
zunächst in Schweinfurt am Marktplatz. Hier wurde Friedrich Rückert am
16. Mai 1788 geboren. Seine Geschwister waren der Bruder Heinrich und
die Schwestern Sophie und Magdalena.
Adam Rückert geb. 3.1.1763
zu Schwarzfeld (Sachs. Hildburghausen) war ausgebildeter
Herzoglich-Hildburghausischer Regierungsrat und Advokat und übernahm in
Oberlauringen die Aufgaben eines Landrates, Notars, Amtsrichters und
Grundbuchbeamten.Lehrer Hans Heimstätt schreibt darüber:
„Ende
August 1793 zog die Familie Rückert mit der Großmutter Barbara und der
Tante Sophie nach Oberlauringen ein. Sie fuhren wohl in einer feinen
Kutsche von Stadtlauringen die alte Straße durch das Lauertal an den
Mühlen vorbei. Die alte Straße führte weiter durch die Hüll und durch
das Tannig nach Sulzfeld und Königshofen. Im großen, schweren Packwagen
war das Hausgerät verpackt. Die Leute und die Kinder haben sicher
gestaunt, als die Wagen zum Amtmannshaus fuhren“.
Die Familie
Rückert zog in das Amtshaus neben dem Schloss ein. Heute steht hier nur
noch die Hauspforte. Das Haus wurde 1859 auf Abbruch nach Aidhausen
verkauft. Auf Friedrich Rückerts Jugendzeit in Oberlauringen weist
lediglich eine schlichte Erinnerungstafel hin. Der Hauskeller des
Amtshauses ist teilweise noch begehbar und könnte noch renoviert
werden, jedenfalls besuchen ihn die Rückertfreunde aus Schweinfurt
gerne.
Adam Rückert und seine Söhne waren sehr groß, schon ein
Vorfahre trug den Namen „Ruckert der Lange“ und auch die Söhne waren
überdurchschnittlich groß.
„So nehmt die beiden Rangen
und steckt ins Hopfenbeet
sie als zwei Hopfenstangen
Ein Genie fällt nicht vom Himmel, sondern muss erst wie ein Edelstein geschliffen werden.
Die Grundlage für Friedrich Rückerts Leben als Professor wurde zweifelsfrei in Oberlauringen gelegt.
Hier
besuchte er zwar zunächst nur die Dorfschule. Sie war 1579 von den
Herren von Hutten in Oberlauringen bereits aus Steinen gebaut worden und
auch ihre Lehrer wurden stetes von den Herren von Oberlauringen
bezahlt.
Friedrich Rückerts Lehrer war Johann Nikolaus Hellmuth.
Er war lange Zeit Bediensteter im Schloss gewesen und wirkte danach noch
43 Jahre lang als Schulmeister bis er mit 72 Jahren starb. In den
letzten 8 Jahren seiner Dienstzeit wurde er bereits von seinem Sohn Adam
unterstützt:
Herr Heimstätt schreibt weiter:
„Der Unterricht
dauerte im Sommer von 6 – 9 Uhr, im Winter von 7 – 10 Uhr. „Oft war
keine Schule, denn der Lehrer musste des Herrn Amtmann Rückerts
Rechnungen schreiben und im Schloss und im Rathaus beim Schreiben helfen“.
Auch
wenn Treibjagd war mussten Jungen und Lehrer als Treiber helfen wie es
der Herr, zum großen Ärgernis des Dorfpfarrers Stepf befohlen hatte.
Alle Jahre wurde eine gestrenge Prüfung durch den Freiherrn
durchgeführt.
Friedrich Rückerts Jugend prägte die schöne
Landschaft der Haßberge die er, zusammen mit seinem Bruder Heinrich
ungestüm eroberte. Als Amtmannskinder hatten sie manche Narrenfreiheit.
Sie liebten den großen Garten rund ums Haus, den Weg ins Tannig, durchs
das Ebental, hinauf auf den Krähberg (heute Rabenberg) oder den Weg am
Lauerbrünnlein vorbei zum Tieftalsee. Sie sammelten farbige
Schneckenhäuser oder trockneten Feuernelken. Der Vater klagte:
„Vollgestopfet werden Schränke mit des Krähbergs Schneckenhäusern und
gepfropfet Tisch und Bänke mit der Leinach Blütensträuchern“. Sie fingen
Tagpfauenaugen und Schwalbenschwänze und färbten sie ein. Besonders
großen Wert legte er auf seine Hausaufgaben. Dafür hatte er sich eine
spezielle rote und blaure Tinte hergestellt und legte viel Wert auf eine
künstlerische Ausführung.
Als die beiden Jungen noch klein
waren, trugen sie blaue Jäckchen die ihnen der „Gevatter Schneider“
geschneidert hatte. Später liefen sie in roten Wämschen herum und so
konnte sie der Oberlauringer Flurer schon von weitem erkennen, wenn sie
durchs Getreide liefen oder Vogelnester ausräumten. Über seine
Kindheitserlebnisse dichtet er später:
Dieser Kuckuck, der mich neckt,
tief im Waldgesträuch versteckt.
Rechts und links und überall
Hör ich seinen fernen Schall.
Wo ich komme, geht er fort
Bin ich hier, so ist er dort
Ei, so sei er wo er sei!
Lieblich ist von fern der Schrei.
Der Dorfschulmeister allein wäre jedoch nicht in der Lage gewesen ein solches Genie wie Friederich Rückert herauszubilden.
Der besondere Glücksfall für seine Ausbildung war der Oberlauringer
Ortspfarrer
Johann Kaspar Stepf. Er wirkte 41 Jahre lang in Oberlauringen, obwohl
er als Doktor der Weltweisheiten, auch in Göttingen als Professor hätte
lehren können. Die Stadt Schweinfurt hatte ihm, was eine ganz besondere
Ehre war, die oberste Pfarrstelle der Freien Reichsstadt Schweinfurt
angeboten er hatte dankend abgelehnt und war mit seiner Pfarrstelle in
Oberlauringen glücklich und zufrieden. Sein ausgefallenes, aber für
Friedrich Rückert spätere Laufbahn wichtiges Hobby war, dass er neben
den Gottesdiensten versuchte den im Ort lebenden Dorf- und
Amtmannskindern die griechische und lateinische Sprache beizubringen.
So
lehrte er 27 Schülern des Dorfes diese fremden Sprachen und sollte
heute als Vordenker für gleiche Bildungschancen verehrt werden.
Die
Ausbildung bei Pfarrer Stepf in lateinischer und griechischer Sprache
war so umfangreich und gut, dass, als Friedrich Rückert seine
Aufnahmeprüfung am Gymnasium in Schweinfurt machen musste. er diese
bereits mit Auszeichnung bestand und schon 2 Jahre später auf die
Universität nach Würzburg wechseln konnte. Diese hervorragende
Sprachausbildung bei dem Dorfpfarrer Stepf aus Oberlauringen wurde so
bereits der Grund für seine spätere in 44 verschiedenen Sprachen
übersetzenden, lehrenden und sprachwissenschaftlichen Tätigkeit.
Seinem
Pfarrer widmete Friedrich Rückert später mehrere Gedichte, eins im
Kreis seiner Familie der sich von seinen Töchtern verwöhnen lasst und
ein weiteres in dem er den Pfarrer als ungewollten Beobachter eines
anscheinend in Oberlauringen üblichen Fruchtbarkeitstanzes beschreibt.
Weil
die Geschichte so schön und pikant ist, auch eine gute Vorlage für
einen modernen Film sein könnte, hier dieses kecke Gedicht:
„Erscheinung der Schnitterengel“
Die Mägdlein
im Mondenschein
die Schnitterinnen tanzen
die Kleider sind
im Abendwind
geworfen auf die Pflanzen;
sie tanzen wie sie Gott erschaffen
es wird sich niemand hier vergaffen;
und wenn der Mond sich will verschanzen
mag er ein Wölklein raffen.
Allein wer kommt?
Nun Eile frommt
zu schlüpfen in die Röcklein.
Wer ist der Narr?
Ach Gott, der Pfarr!
Er geht an seinem Stöckchen.
Der Schrei verwirrt die Tänzerinnen,
die jeden Rock verkehrt gewinnen;
da sprach das jüngste klügste Döckchen
mit unverstörten Sinnen:
Wie toll ihr seid!
Wollt ihr im Kleid
erscheinen und euch nennen?
Erkenn euch nicht
am Angesicht
im Rock wird er euch kennen.
Wir tanzen wie uns Gott erschaffen,
er ist zu alt, sich zu vergaffen,
und wenn er fürchtet anzubrennen,
mag er hinweg sich raffen.
Er sieht den Tanz
im Mondenglanz
die Wesen ohne Mängel:
sie kamen nur
von höh´rer Flur
doch ohne Lilienstengel.
Still geht er heim auf seinen Wegen,
und danket Gott beim Schlafenlegen,
dass er gesehn die Schnitterengel,
bedeutend Erntesegen.
Und als nun gar
gedroschen war,
die Mägde stehn betroffen;
dort war’s so schwül,
nun ist´s so kühl:
der Buße Tor ist offen;
Jedwede bringt aus freiem Triebe
ein Mäßlein, wohl gefegt im Siebe
dem Pfarrherrn, dass des Segens Hoffen
ihm unerfüllt nicht bliebe.
Zu
solch umfangreichen Sprachkenntnissen wie sie der junge Friedrich
Rückert besaß, muss jedoch auch die entsprechende Begeisterung kommen.
Diese erhielt er wie er in einem langen Gedicht schildert beim Pfarrherren von Großbardorf.
Großbardorf,
war einst die Mutterkirche von Oberlauringen und von dort wurden bis
zur Reformationszeit die Oberlauringen Kapläne gestellt.
Vermutlich
hatte die Kirchengemeinde Großbardorf Rechtsansprüche auf Einnahmen aus
Liegenschaften in Oberlauringen die ihnen vom Amtmann Adam Rückert
gebracht werden mussten.
Für beide Seiten war dies jedenfalls
immer ein Grund zum Feiern und ein willkommener Anlass für ein Gläschen
Wein, der damals an den Hügeln der Haßberge angebaut wurde und wie
üblich zur Bezahlung der Pfarrer gehörte.
Auch der Pfarrer von
Großbardorf war ein sehr gebildeter und belesener Mann. Er beschreibt
dieses interessante Verhältnis das ihm die römische und griechische
Geschichte im Urtext nahe brachte sehr bildhaft.
Zu Pfarrer
„Neuerer“, dem Friedrich Rückert eines seiner 44 Gedichte aus der
Jugendzeit in Oberlauringen widmete, ein kleiner Auszug:
Warf er den ersten Funken
vielleicht mir ins Gemüt?
Vom Wein den er getrunken
hat mich ein Hauch durchglüht;
ich sah von Sterneschleier
umwoben eine Leier von oben, untenher von Ros´ umblüht.
Von fremder Länder Sitten
wann er erzählt einmal,
da war es nur als schritten
Gestalten durch mein Tal.
Und überm Berge schauten
Gewölke, welche grauten,
dahinter schlief vom Orient ein Strahl.
Ich kost im Kosegarten
Schon matt von Matthison
Und schwor zu Gleims Standarten
Dem Frühling Kleists entflohn,
Hing fest am Hagedorne,
und nagt am Haberkorne
von Isaak Maus und ward nicht satt davon.
Da wies der Greis zur Beute
sich hin zu anderm Erz
es waren seine Leute
Catull, Tibull, Properz.
Er weis, dass in der Schule
Um röm´schen Mus ich buhle
Da macht er sich zum Nachtisch einen Scherz.
Pfarrer
Neuerer erzählte nicht nur „Heiße Geschichten“ sondern er ließ vom
jungen Friedrich direkt aus seinen Büchern übersetzen. So rühmt sich
später der alte Friedrich Rückert:
Ich dolmetscht ohne Stocken, dass er es göttlich hieß…usw.
Die
Grundlage für Friedrich Rückerts Wirken als Dichter und Professor wurde
also sicherlich bereits in Oberlauringen und Großbardorf durch diese
beiden Pfarrer gelegt.
Als man im Jahr 1988 in Coburg Rückerts
200 Jubiläum feierte, machte man sich dort die große Mühe einmal auf 359
Seiten seine ca. 19 000Gedichte zusammen zu fassen. Auf 44 Seiten
finden sich 1938 Rückertvertonungen und.) allein Robert Schumann ist mit
60 Liedern aufgeführt. (www,pdffactory.com)
In den letzten
Jahren entstand eine Rückertrenaissance. Mit Unterstützung der
Rückert-Gesellschaft e.V. und Dr. Rudolf Kreutner wurden moderne Version
von Rückert Gedichten unter dem Titel:
„goldenezeit“ herausgegeben. 13 Gedichte Rückerts völlig neu und in Popart interpretiert.
Für
die Klassikfreunde empfehle ich die 2010 mit dem Grand prix de Disc
ausgezeichnet, von harmonia mundi herausgegeben CD mit Rückert Liedern,
vertont von Robert Schumann, gesungen von Bernarda Fink oder Gustav
Mahlers Adagietto, gesungen von Waltraud Meier, produziert von Sony..
Das
schöne, Oberlauringen beschreibende Lied: Aus der Jugendzeit liegt mit
mehreren Vertonungen vor und wird besonders gerne von
Männergesangvereinen dargeboten.
Aber Friederich Rückert und
seine Familie hatten es in Oberlauringen auch sehr schwer. 5
Familienmitglieder starben, seine beiden Lieblingsschwestern denen er
auch Gedichte widmete an Pocken. Wenn nicht die Schweinfurter Oma
Schoppach die mit nach Oberlauringen gezogen war, Geld gespart hätte,
wäre die Familie Rückert glatt verhungert so beklagt er sich in
Würzburg. Schuld war der Krieg gegen Napoleon und viele
Einquartierungen, Missernten und folgende Hungersnöte. (darüber im
nächsten Bericht mehr).
Text: Vilmar Herden
1200 Jahre Oberlauringen
Teil I
Teil II
Teil III
Teil VI - Friedrich Rückert in Oberlauringen
Teil VII - Friedrich Rückert als Chronist
Teil X - Aufbruch in Oberlauringen
Teil IX - Die Ansiedlung der Juden in Oberlauringen
1200 Jahre Oberlauringen - Schlosskauf, Umbau und Parkanlage
1200-Jahrfeier Oberlauringen - Glückwunsch und Dank
1200 Jahre Oberlauringen - Oberlauringen im Erdaltertum
Das Rückert Dorf
Rückert-Sprüche in Oberlauringen