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Wohnen im Tal der Ahnungslosen
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Montag, 15. März 2010 |
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Dorferneuerung soll neue Impulse für Reichmannshausen bringen
Zunächst musste Bürgermeister Kilian Hartmann Überzeugungsarbeit
leisten, denn nicht alle der etwa 150 Reichmannshäuser in der
Bürgerversammlung zeigten sich hundertprozentig einverstanden mit der
Dorferneuerung, ging es doch im Hinblick auf mögliche
Straßenausbaubeiträge auch um den eigenen Geldbeutel. „Wo sieht sich
Reichmannshausen in den kommenden Jahrzehnten!“, fragt Hartmann in die
Versammlung. Mit Milliarden schweren Zuschussprogrammen versucht der
Staat das Aussterben auf dem flachen Land und Abwanderung in die
Metropolregionen zu verhindern. Zuschüsse, die es auch vom Amt für
ländliche Entwicklung gibt, wie ihr Abteilungsleiter Peter Kraus am
Abend der Bürgerversammlung schildert.
Wie geht es weiter in Schonungens nördlichsten Ortsteil. Fakt ist, dass
es schon heute ernsthafte Probleme mit der demografischen Entwicklung
gibt. Die ärztliche Versorgung ist nicht mehr sicher gestellt von
Einzelhandel ganz zu schweigen, der Kindergarten banget um seine
Zukunft, Vereine finden keinen Vorstand mehr, Gaststätten schließen und
Häuser stehen leer. Als Instrument um gegen den Negativtrend
entgegenzuwirken könnte die umfassende Dorferneuerung angewandt werden.
Kraus erläuterte die Vorgehensweise: Das Amt könne organisatorische,
planerische und finanzielle Hilfestellung geben. Wie der Rathauschef
erklärt beschäftigen sich mehrere Anrainergemeinden des Ellertshäuser
See’s derzeit mit der Dorferneuerung. Im Zusammenhang mit der
Machbarkeitsstudie „Seestern“ könnten diese zusammengefasst,
Synnergieeffekte genutzt und alle in Dorferneuerung befindlichen
Ortsteile gemeinsam abgehandelt werden. Ein unterfrankenweit einmaliges
Projekt, wie Kraus bestätigt.
160 Ortschaften befinden sich im Bezirk derzeit in der Dorferneuerung,
Kraus versprach das Projekt Seestern trotz der Fülle von Anträgen
voranzutreiben. Darin inbegriffen: Ebertshausen, Fuchsstadt,
Altenmünster, Löffelsterz und schließlich Reichmannshausen. Trotz der
Vielzahl an Ortschaften die dem Seesternprojekt angehören, gibt es nur
eine Teilnehmergemeinschaft: „Rationalisierungseffekte kommen dem
Projekt zugute und beschleunigen die Dorferneuerung!“, betont Kraus.
Gleichzeitig erfordere es aber Vertrauen von allen Bürgerinnen und
Bürger: „Wir müssen ergebnisoffen an die Sache herangehen!“, rief Kraus
den Kritikern zu. Sie fürchten, das erhebliche Kosten von
Straßenausbaubeiträgen bei den Anwohnern kleben bleiben. „Kein Betrieb
würde überleben, wenn er nicht in die Zukunft investiert!“,
argumentiert Kraus für die umfassende Dorferneuerung. Doch es traten
noch ganz andere Probleme in den Fordergrund: „Wir wohnen im Tal der
Ahnungslosen: Wann wird Mobilfunk sichergestellt, wann bekommen wir
endlich DSL!“, schallt es in Richtung des Bürgermeisters. 600.000 Euro
würde die Anbindung mit einer Glasfaserleitung kosten, nur 100.000 Euro
Zuschuss könne die Gemeinde davon in Abzug bringen. „Das gibt der
Gemeindehaushalt nicht her!“, bedauerte Hartmann und verweist auf die
Bundespolitik. Doch gerade junge Familien, Neubürger oder
Gewerbetreibende stellt dies nicht zufrieden: „Die Dorferneuerung
alleine wird die Leute nicht bei uns halten, wenn sich die
Infrastruktur nicht verbessert!“, heißt es in der Versammlung. „Schöne
Pflastersteine bringen uns keinen einzigen Neubürger, wenn die
Breitbandanbindung aus der Steinzeit ist!“, wird die Zuschusspolitik
kritisiert.
Trotzdem schien der Vortrag von Peter Kraus die Menschen zu überzeugen,
denn ohne Dorferneuerung würde Reichmannshausen im Dornröschenschlaf
weiter verharren: Mit Hilfe einer Diashow präsentierte er die
verschiedenen Möglichkeiten einer Dorferneuerung, angefangen von der
Straßengestaltung, Grundstückneuordnung über private Baumaßnahmen, bis
hin zur Einrichtung von Bürgerhäusern. Dabei könne das Amt für
ländliche Entwicklung derzeit bis zu 60% Fördermittel für Maßnahmen
beisteuern. Doch ob die Fördersätze auch in Zukunft auf diesem Level
bestehen bleiben, wagt Kraus zu bezweifeln. Hartmann regte an, um für
Reichmannshausen bedarfsgerechte Ideen und Überlegungen zu entwickeln
und in die Teilnehmergemeinschaft mit einfließen zu lassen,
verschiedene Arbeitskreise im Ort zu bilden, beispielsweise für
Innerörtliche Bausubstanz, Landwirtschaft oder Soziales. Das Verfahren
soll transparent gehalten und die Bürger mitgenommen werden, versprach
der Rathauschef. Am Ende stellte der Vorsitzende des Sportvereins,
Hermann Grabinger in der Versammlung den Antrag auf Dorferneuerung, den
insgesamt 81 Anwesende unterstützten, nur 7 waren dagegen oder
enthielten sich ihrer Stimme. Damit ist der Weg frei für die
Dorferneuerung. Nun wurden drei Vertreter bestimmt, die ein
vorbereitendes Seminar in Klosterlangheim besuchen werden, darunter
Sportvereinsvorsitzender Hermann Grabinger, Burkard Schmitt und eine
weitere Person, die durch die Jagdgenossenschaft bestimmt werden soll.
Text: Stefan Rottmann
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