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Active Image Viele ältere Schonunger, deren Kinder- und Jugendzeit in die schweren Kriegs- oder Nachkriegsjahre gefallen ist, werden sich noch an das „Natterle“ erinnern und an die eine oder andere – selbst miterlebte – Begebenheit mit diesem Original noch zurückdenken.

Ich weiß nicht warum, aber früher gab es doch wesentlich mehr solcher "Originale“ als in unserer heutigen, so schnelllebigen Zeit. Vor allem auf dem flachen Lande war dies weit verbreiteter als in der großen Stadt, zumindest waren die Originale dort noch orgineller. Oder kommt dies daher, weil dort einfach jeder jeden kennt?
Ausgerechnet jedesmal, wenn unsere Post das Porto erhöht, muss ich an das „Natterle“ denken. Ich weiß nicht einmal, wie ihr richtiger Name lautete, sie war für uns einfach das „Natterle“; doch selbst woher dieser Ausdruck stammt, ist mir nie bekannt geworden. Und ich habe sie in all den Jahren immer nur allein gesehen, niemals in Begleitung einer anderen Person. Schon im Kindergarten war das „Natterle“ in einer etwas gebeugten Haltung und immer mit einen großen Stock unterwegs; sowas wie die böse Hexe von Hänsel und Gretel. Schon die kleinen Knirpse liefen ihr – natürlich in respektvollem Abstand und außer Reichweite ihres Stockes – nach und riefen lauthals: „Natterle, Natterle!“ Wenn sie sich umdrehte und wild herumfuchtelte, stoben die Dreikäsehochs aber doch erschreckt auseinander. Und dies wiederholte sich fast jeden Tag. Denn komischerweise, wenn der Kindergarten aus war, kam auch das „Natterle“ dort vorbei. Später, als ich in der Schule war, war weniger das „Natterle“ als ihr großer Wengert unser viel aufgesuchtes Ziel.

Nicht nur die Weintrauben waren da zu holen, sondern schon früher reiften dort Johannis- und Stachelbeeren und auch ein großer Kirschbaum stand darin. Obwohl das ganze eingezäunt war, hatten wir immer ein bis zwei Löcher im Zaun entdeckt oder selbst angelegt. Wenn sie dann bergauf und völlig außer Atem angeschnauft kam, konnten wir immer rechtzeitig Reißaus nehmen. Nur einmal nicht, da muss sie sich wohl schon vorher auf die Lauer gelegt haben, denn plötzlich machten wir unliebsame Bekanntschaft mit ihrem großen Stock. Es war das einzige Mal, wo ich sie habe laut lachen hören, sonst waren wir es immer, die sie ausgelacht hatten. Später hatte ich dann nochmals ein unvergeßliches Erlebnis mit dem „Natterle. Ich absolvierte gerade meine Lehrzeit und es gehörte zu meinen Aufgaben, die Geschäftspost zu erledigen. Ich stand mit einem Paket unter dem Arm in einer langen Warteschlange vor dem Postschalter.

Ganz vorne war einer mit Auslandspaketen und dies dauerte fast zehn Minuten. Danach noch welche, die den Schalterbeamten arg strapazierten. Und dann das „Natterle“, welches über die lange Wartezeit schon sehr ungehalten war. Es war gerade zwei Tage nach einer Portoerhöhung, wo das Briefporto von 30 auf 40 Pfennige heraufgesetzt wurde.

Das „Natterle“ verlangte eine 40-Pfennig-Briefmarke und sagte zu dem Beamten, die Post würde auch immer teurer, in der letzten Woche hätte diese Marke noch dreißig Pfennige gekostet. Sie meinte damit natürlich das Porto für einen Brief, hatte aber ausdrücklich eine 40-Pfennig-Marke verlangt. Der Postbeamte, stur wie Beamten nun mal sind – oder wollte er gar auch das „Natterle“ ärgern? – sagte zu ihr, dies stimme nicht, die 40-Pfenning- Marke hatte schon immer, also auch in der letzten Woche, 40 Pfennige gekostet. Doch da wurde das „Natterle“ fuchsteufelswild, hob ihren Stock, holte aus und „Peng“ krachte der auf den Stuhl des Beamten nieder, der im allerletzten Moment noch zur Seite gesprungen war. Zum Glück war der Herr Pfarrer auch in der Warteschlange, der das „Natterle“ beruhigte und sie hinaus führte.

Doch dieser, für uns Anwesenden überaus lustige Vorfall, war dann vielleicht im Postministerium mit der Anlass, warum später viele Postschalter mit einem bruchsicheren Glas ausgestattet wurden und nur noch einen kleinen Einlieferungsschlitz hatten. Somit ist also das Schonunger „Natterle“ mit ihrem Globalangriff von damals dafür verantwortlich, dass viele Postschalter heute schlagstocksicher ausgerüstet sind. Ja, ja – diese alten Originale – schade, dass sie fast ausgestorben sind. Zumindest ist die Jugend von heute um solche Erlebnisse ärmer dran.

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