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In den Gemeindebüchern sind seit 1857 jährliche Eintragungen über „Tanzmusik bei der Fastnacht“ in den örtlichen Wirtshäusern vermerkt. Nur in den Kriegswirren wurde diese Tradition für kurze Zeit unterbrochen.
Die später folgenden Bunten Abende, Maskenbälle, Kappenabende, Bütten- und Elferratsitzungen, die von den örtlichen Vereinen jährlich veranstaltet wurden, erfreuten sich immer größerer Beliebtheit. Die Erbauung des Pfarrheims im Jahr 1973 ermöglichte es den faschingsfrohen Narren, diese Veranstaltungen in einem wesentlich größeren Rahmen weiterzuführen.
Der Brauch des Wirtshaussingen ist gewiss nicht neu, aber meist in Vergessenheit geraten. In jüngerer Zeit erinnert man sich wieder daran und organisiert da und dort solche Treffs. Auch in unserem Dorf gehörte das Singen in der Wirtschaft zum Ritual an den Kirchweih- und Faschingstagen, genau so wie das Amen in der Kirche. Während sich des Abends die jüngere Generation beim Tanzen austobte, trafen sich die älteren Herrschaften in der Gaststube zur frohen Sängerrunde. Zum umfangreichen Liederprogramm gehörte dabei stets das Heimatlied „Der ängstlichen Schreinermeister“ mit seinen elf Strophen, nach einer wahren Begebenheit, aufgezeichnet von Georg Haus, Schonungen. Bereichert wurde diese „Gesangsstunde“ durch Mundartgedichten und Witzen, die oft spontan von den Beteiligten aus dem Stegreif frei vorgetragen wurden. Das spornte die Sängerlust noch mehr an. So standen schließlich die Sangesbrüder – und Schwestern, soweit vorhanden – zur fortgeschrittenen Stunde auf Tischen und Stühlen in der Wirtsstube und schmetterten inbrünstig ihre Lieder. Obwohl auf dem Tanzboden die Melodien schon längst verklungen waren, dachte noch keiner in der fröhlichen Sängerrunde ans Aufhören. Dieses lustige Wirtshaussingen förderte Geist und Frohsinn sowie Zusammenhalt und Freude an unserer fränkischen Kultur.
Laut Berichten älterer Gewährsleute gab es schon viel früher im Ort den Brauch des Strohbären, der symbolisch an die Winteraustreibung und an das Herannahen des Frühlings erinnerte. Den Auftritt des „Bären“ in Üchtelhausen beschrieb Anna Bauer, geb. Neugebauer (1902 – 1987), in ihrer Jugend folgendermaßen:
„... en Diesti machen die Burschn a Gaudi zam, deß es ganza Dörfla räwellisch wörd. Eener wörd zu en „Bär“ hargericht. A dan warn großa Büschl Hä nagebundn, vo ohm bis untn, bis er bal kee Luft mähr kriegt. Mit en festn Striek wörd dar „Bär“ nacher durchs Dorf gführt. Ümmer amal brummt er gor arg. Alla Kinner laffna nach ober wenn er sich rümdrääht, da machen sa Bee und kirrn und schrein. Die junga Mädli lassn sich überhaupt nit sah, süst lasset sa dar „Bär“ a nit in Ruah. Bis die Gsellschaft durchs ganz Dorf künnt, wörds beinah Nacht, weil’s öft amal en Aufenthalt geit. A een Haus schmeckt mersch bis raus die Straß, deß Krapfn gebackt warn und da wörd nit geruaht, bis a Taler voll ausgetält wörd. Dar anner Nachber muäßt amal die Schnapspulln zum Fenster rauslang. Gäiger Awed ziehn sa nacher alla nein Wirtshaus. A dan „Bär“ henga darazeit höchstens nu a poor Stengeli Hä, des anner hat er unterwags verlorn.“
In der Mitte des vorigen Jahrhundert ist dieser heidnische Brauch im Ort eingeschlafen. Dieser Kult überlebte aber bis heute in der Rhön, in Thüringen und in anderen Gegenden.
Das „Einigungsmahl uf Fasnacht“ im alten Rathaus von Üchtelhausen geht bis auf das Jahr 1660 zurück (1721 folgte der Neubau des jetzigen alten Rathauses). Dort tagte das Dorfgericht als niedrige Gerichtsbarkeit unter Vorsitz des Schultheißen, mit sechs Schöffen und dem Gerichtsschreiber. Die Zuständigkeit des Gerichts bezogen sich auf: Schulden, Scheltworte, Schlägerey, Feldschäden und ungerechte Maße. „So wurde Philipp Bauer 1680 mit 14 Pfg. bestraft, weil er ohne Mützen aufs Rathaus gekommen.“ 15 Pfg. zahlte einer, weil er „im Schulzhaus wegen ausgegossener ungebührlicher Redt“. Valentin Dörflein bezahlte ebenso, weil er nicht „bei der Gemeinde zur gebottener Zeit erschienen“. Im Anschluss an das Dorf- oder Feldrug-Gericht wurden bei einem sogenannten „Einigungsmahl uf Fassnacht“ die Bußgelder verzehrt und verzecht. Dabei haben die Üchtelhäuser bis zu 350 Liter Bier bei höchstens 200 Einwohner getrunken. Das waren noch Zeiten!
Unter den alten Bräuchen war das „Gögerausschlagen“ stets ein beliebter Wettbewerb, wobei dem Göger dabei nicht zu Leibe gerückt wurde. Diese besondere Attraktion fand auf dem Dorfplatz statt, an der sich mit der Entrichtung eines kleinen Unkostenbeitrages alle Bürger beteiligen konnten. Dem Teilnehmer verband man die Augen, drehte ihn ein paar mal um die eigene Achse, casino damit er die Orientierung verlor. Nun musste er mit einem Dreschschlegel den bereits aufgestellten Topf treffen. Jeden Fehlschlag erwiderten die Narren mit lautem Gejohle. Eine weitere Steigerung war noch ein Schlag in die Dreckbrühe, denn vor dem örtlichen Straßenbau mussten die Anlieger – besonders in niederschlagreichen Zeiten – den entstandenen Dreck von der Straße abkratzen. So kam es immer wieder vor, dass die arglistigen Zuschauer den Schläger akustisch nicht zum Topf sondern zu einer Drecklage lenkten. Je mehr dann nach dem Schlag die Dreckbrühe spritzte, um so größer war schließlich die Gaudi. Der Sieger erhielt als Preisgeld den lebendigen Hahn. Der letzte Göger wurde 1973 öffentlich ausgeschlagen.
In der Nachkriegszeit haben sich die Kinder selber maskiert. Dazu wurde aus Pappkarton eine Gesichtsmaske als „Affagsicht“ ausgeschnitten und bemalt. Zur Verkleidung hat man ganz einfach die Jacke mit der Innenseite nach Außen getragen und die notwendige Faschingsklatsche für den Radau wurde ebenfalls aus Pappdeckel angefertigt. Die beliebtesten Masken waren Hexen- und Räuberdarstellungen. In solchen Aufzügen zog man dann von Haus zu Haus und hat dabei gesungen:
Lustig is die Fosanacht,
wenn mei Mutter Krapf`n backt,
wenn se aber kenna backt,
pfeuf i auf die Fosanacht.
Zur Belohnung gab`s dann einen selbstgebackenen Krapfen.
Im Jahr 1953 setzte sich im Dorf der erste Faschingsumzug in Bewegung mit anschließendem Fußballspiel, Gemeinderat gegen Kirchenrat, als Benefizveranstaltung zu Gunsten der Flutopfer von Hamburg.
Der erste Sturm der Narren auf das örtliche Rathaus erfolgte 1956. Der amtierende Bürgermeister Stefan Geiling wurde von der Leibgarde des Faschingsbürgermeisters, bestehend aus vier gestandenen Männern, entmachtet. Mit Rathausschlüssel und Gemeindekasse ausgestattet, trat der neue Faschingsbürgermeister – damals war es Stefan Niklaus – die Regentschaft für die närrischen Tage an.
Ein weiterer Gag war 1957 erstmals die vom Club der Gemütlichkeit herausgegebene Faschingszeitung, die am Rosenmontag im Wirtshaus vorgelesen wurde. Darin hat man in humorvoller Weise das Dorfgeschehen aufs Korn genommen. Nach einigen Jahren wurde der Zeitungsdruck wieder eingestellt, weil sich einige von der Spitzfindigkeit des Herausgebers zu sehr auf den Schlips getreten fühlten.
Die dörfliche Faschingseuphorie steigerte sich in den darauf folgenden Jahren bis zum Sturm auf das Schweinfurter Rathaus und dem Landratsamt. Die damaligen Hausherren dieser Festungen, wie Oberbürgermeister Georg Wichtermann und Landrat Dr. Burghard wurden dabei entthront und zur Teilnahme an das Stüchter Schweine(fr-)essen gezwungen.
Im Jahr 1907 hat der „Club der Gemütlichkeit“ – benannt nach der gleichnamigen Dorfgaststätte - mit seiner bis in die heutige Zeit andauernden Schlachtschüsseltradition begonnen. In den „goldenen“ zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte sich diese Lustbarkeit zu einem öffentlichen Spektakulum, das in der Nacht vom Rosenmontag begann. Die Burschen entführten heimlich das zuvor vom Fleischbeschauer gekennzeichnete Schwein aus dem Stall des Lieferanten und versteckten es bei einem anderen Bauern. Am Dienstagfrüh gab es im Dorf eine große Aufregung, weil das Schwein verschwunden war und der neue „Besitzer“, dem das Borstentier zugetrieben wurde, oft nichts von dieser nächtlichen Aktion wusste. Das Versteck wurde teilweise so geheim gehalten, dass man zur Aufklärung der Sachlage im Einzelfall sogar mit Polizeieinsatz drohten musste. Schließlich konnte man die Sau dingfest machen. Mit Musik wurde das Schwein beim Bauern abgeholt, zum Waaghäuschen und zur öffentlichen Gerichtsverhandlung auf dem Dorfplatz gefahren. Zu diesem Umzug haben die Narren die Kinder, die auch alle maskiert waren, von der Schule abgeholt. Das „Hohe Gericht“ klagte das arme Schwein für sein „unmenschliches“ Verhalten an, sprach es – wie konnte es auch anders sein - für schuldig und verurteilte es zum Tode mit der Auflage, dass es den Mitgliedern des „Clubs der Gemütlichkeit“ zum Fraße vorgeworfen wird. Die Vollstreckung erfolgte unverzüglich und die ersehnte Schlachtschüssel konnte beginnen. Als Startzeichen hängte der Metzger die aufgeblasene Schweinsblase an die Wirtshaustür. Die Esslust der Mitglieder steigerte sich schon in wenigen Jahren dermaßen, dass dafür ein zweites Schwein als Sündenbock herhalten musste.
Auch die größte Gaudi nahm ein Ende. Mit Beginn der Dämmerung endete am Dienstag die närrische Zeit. Alle Narren zogen mit Musikbegleitung zum Dorfweiher und „beerdigten“ dort mit viel Gejammer die Fastnacht.
gez. Heinrich Neugebauer

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