|  |
''All inclusive'' auch für Paul
|
|
|
|
|
Donnerstag, 6. Mai 2010 |
 Schonungerin Daniela Wittmann will Inklsuion vorantreiben
Es ist Dienstagabend kurz nach acht, als sich Daniela Wittmann aufmacht in ein Schweinfurter Szenelokal. Fünf Frauen sitzen dort in einer gemütlichen Lounge bei lauer Musik und einem Glas Saftschorle – sie alle verbindet ein Schicksal: Ihre Kinder wurden mit dem Down-Syndrom geboren. Kennen gelernt haben sich die Mütter damals in der Frühförderstelle. „Wir haben sofort harmoniert. Uns dann immer wieder gegenseitig geholfen und privat getroffen.“, erinnert sich die Schonungerin an die Anfänge.
Das Foto zeigt die Rasselbande auf dem Waldspielplatz mit dabei von
links Sigrid Lutz, Daniela Wittmann, Anna Thein und Sandra Finzel.
Natürlich ging es oft um die alltäglichen Problemstellungen, die das Leben mit „anders begabten Kindern“ bereithält. Behördengänge, Kindergarten, Schulausbildung, Beruf - immer wieder stoßen die Eltern an ihre Grenzen. Trotzdem, das Wort „Behinderung“ kommt den Müttern nicht über die Lippen: „Unser Sohn Paul hat viele Talente und schafft es, uns immer wieder zum Lachen zu bringen.“, sagt Wittmann.
Umso ärgerlicher ist es für die Eltern, sich mit Vorurteilen und
rechtlichen Hürden herumzuschlagen. Schon lange geht es nicht mehr nur
um die kleinen Sorgen und Nöten von Paul – es geht um das große Ganze.
So wurde aus der Clique heute ein Verein: Unter dem Motto „Gemeinsam
Leben, gemeinsam Lernen“ soll dem ‚Schubladen-Denken’ ein Ende gesetzt
werden. Das Zauberwort heißt ‚Inklusion’. Die Inklusionsidee gilt nicht
nur für Behinderungen, sondern für alle Bevölkerungsgruppen. Und sie
gilt nicht nur für den Schulbereich, sondern für alle Zweige des Lebens.
Inklusion ist der Versuch, Beziehungen für alle zu ermöglichen und
Vielfalt zu bejahen. Kategorien wie ‚schwach oder stark’, ‚Mehrheit oder
Minderheit’, ‚normal oder anders’ werden zurückgedrängt. Statt dieser
Abgrenzungen rückt Inklusion die persönliche Begegnung und die
gegenseitige Bereicherung in den Blick.
Beispiel Schule: „Warum können nicht auch behinderte Kinder ganz
selbstverständlich in die Regelschule?“, fragt sich Daniela Wittmann.
Unterrichtskonzepte müssten auch auf die Bedürfnisse dieser Kinder
abgestimmt werden, in der Praxis sei man jedoch auf aufgeschlossene
Lehrer angewiesen. „Äpfel müssen verschieden hoch hängen und für alle
Kinder zumindest auf Zehnspitzen erreichbar sein!“, so die Idee des
Vereins über das dann individuelle Leistungsziel der Schüler. Zudem
erlangten die Kinder im Umgang mit körperlich oder geistig
eingeschränkten Kindern kostenlos Managementqualitäten: Das
Sozialverhalten werde gestärkt, außerdem sind Flexibilität, Einfühlungs-
und Durchsetzungsvermögen gefordert. „Wir müssen abkommen von der
typischen Behindertenkarriere um diesen Menschen auch eine Chance auf
ein erfülltes Leben zu geben!“, fordert die frisch gekürte
Vereinsvorsitzende Sandra Finzel. Ihr Appell richtet sich vor allem an
die Förderschulen: Die Sonderpädagogen könnten ihre Arbeit auch auf den
Regelschulen fortführen, sodass das Kind seinen Freundeskreis und
soziale Kontakte im Umfeld nicht verliert, so die Idee des Vereins.
Abgekapselt seien die Kinder beispielsweise auch in der
Sprachheilschule: Sie finden im Dorf oft nur schwer Anschluss, wie
Daniela Wittmann beobachtet. Probleme die es in einer ‚inklusiven Schule
oder Betreuungsstätte“ sicher nicht gäbe, sind sich die Frauen am Tisch
einig.
Das Foto zeigt die Rasselbande auf dem Waldspielplatz mit dabei von
links Sigrid Lutz, Daniela Wittmann, Anna Thein und Sandra Finzel.
Offenheit, Selbstverständlichkeit und Normalität, das wünscht sich die
Schonungerin Daniela Wittmann von den Mitmenschen für ihre Kinder. So
wie kürzlich, als es darum ging, dass Sohn Paul bei der musikalischen
Früherziehung aufgenommen würde: „Die Lehrkraft hatte keine
Berührungsängste und Paul sofort mit offenen Armen aufgenommen. Hier und
da wird ein bisschen improvisiert ohne das bekommt aber keiner der
übrigen Schüler mit!“, sagt die stolze Mutter.
Der Verein ‚Gemeinsam leben - gemeinsam lernen Schweinfurt e.V.’ hat
sich Ende März gegründet. Ziel ist es Kontakte zu Schulen,
Bildungsträgern aber auch in die Politik zu knüpfen. „Wir sehen uns als
Sprachrohr für Menschen, die durch das Raster fallen!“; „Nicht behindert
sein ist ein Geschenk, das einem jeden Tag genommen werden kann!“.
Oberstes Ziel ist eine bessere Integration bestenfalls die vollständige
Inklusion in allen Gesellschaftsbereichen durchzusetzen. Außerdem wollen
sich die Mütter über Fachvorträge und Literatur Wissen aneignen und
betroffene Familien beratend zur Seite stehen. „Jeder ist in unserem
Verein willkommen!“, so die Botschaft des Vorstandes und es haben bisher
sogar vereinzelt Therapeuten Interesse bekundet, wie es aus
Vereinskreisen heißt.
Infos zum Verein
Der Verein ‚Gemeinsam leben - gemeinsam lernen Schweinfurt e.V.’ besteht
derzeit aus 9 ehrenamtlichen Mitgliedern. Der Vereinsbeitrag beläuft
sich auf jährlich 15,- Euro, die Familienmitgliedschaft kostet 25,-
Euro. Die eingenommenen Beiträge werden verwendet um
Informationsmaterial, Vorträge und Aktionen zu finanzieren. Infos und
Kontakt entweder per E-Mail unter
Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
oder telefonisch
unter 09723/936091.
Text und Foto: Stefan Rottmann
|
|
 |
Videoclips
Terminkalender
 |
Februar 2012 |
 |
|
|